Wednesday, March 12, 2014

Das Faß ohne Boden (1)

Das Thema Schule scheint im Moment genau das zu sein, ein Fass ohne Boden. Ich könnte vermutlich mehrere Einträge dazu machen, einen zur politischen Situation, einen zur aktuellen Lage in der schwedischen Schule/dem schwedischen Schulsystem und einen zur aktuellen Situation unserer Tochter sowie einen zu Mentalitätsunterschieden. Denn wir haben das große "Glück" mit unserer Tochter die volle Breitseite negativer Auswirkungen zu erleben.
Ich versuche mich mit diesem ersten Post dem Thema anzunähern, denn oft, wenn ich meine Tochter wie heute in der Schule gelassen habe, komme ich nach Hause und fühle mich ---- schlecht.
Zu Beginn möchte ich erst ein paar Dinge klären.
Ich habe ein persönliches Handicap. Ich bin Linguist, habe selbst (Erwachsene) unterrichtet und bin vermutlich zu gut belesen. Das ist nicht immer hilfreich. Außerdem ist es mir wichtig, dass meine Kinder eine gute Bildung erhalten, was für mich im Klartext heißt, dass sie lernen, ihre Kapazitäten zu nutzen. Nach ihren Möglichkeiten. Nicht mehr, aber sicher auch nicht weniger.

Ich respektiere den Beruf des Lehrers. Als ich begann zu studieren, war ich auf Lehramt eingeschrieben. Die ersten Vorlesungen in Pädagogik und andere persönliche Interessen sowie das ausgeprägte Wissen um eigene Schwächen und persönliche Erfahrungen mit sehr guten, normalen und (einem besonders) schlechten Lehrern ließen mich zu dem Schluss kommen, dass ich meine Persönlichkeit weniger geneigten Schülern nicht zumuten wollte. Ich wollte nicht die Person sein,die aus Ungeduld oder Ignoranz oder einfach ausversehen ein eigentlich fähiges Kind über die Klinge springen lässt. Aktuell ärgere ich mich fast ein bisschen, ich glaube ich war überkritisch mit mir selbst.
Ich respektiere den Beruf des Lehrers. Es ist ein anstrengender Beruf, der viel von den ausübenden Personen abverlangt, in sowohl Fachwissen wie auch Pädagogik und Didaktik, als auch von der Persönlichkeit und vom Fleiß des jeweiligen Lehrers.
Ich bin der Überzeugung, dass man Schule als Institution respektieren sollte. Gerade als Eltern. Heißt, ich will eigentlich nicht wegen jedem noch so kleinen Mist meine Nase in die Berufsausübung des Lehrers stecken müssen.
Ich habe mich vor Weihnachten stark zurückgenommen, dachte, wir als Eltern überfordern das Kind, machen zuviel Druck und dass ich meinen Einfluss zurücknehmen muss. Ergebnis war, dass ich vor Weihnachten eine fast depressive 6-jährige Zuhause hatte, die mir erklärte, dass sie weder schreiben noch rechnen durfte .... was ich nach einem scheinbar gut laufenden Entwicklungsgespräch im Oktober gar nicht verstehen konnte ....
Ich begann nach Weihnachten ein bisschen nachzuforschen, die drei, vier anderen Eltern mit denen ich mich unterhielt schienen alle zufrieden. Wir reden hier von Eltern, die selbst akademische Abschlüsse haben. Die Kinder lesen, rechnen und schreiben in einem für 6-jährige und schwedischen Vorstellungen entsprechendem Maße. Nur bei meiner Tochter passierte einfach NICHTS. Ich begann in der Schule nachzuforschen, blieb im Unterricht dabei und überprüfte die Schulmaterialien meiner Tochter, die hier in Schweden (an dieser Schule) eben in der Schule verbleiben.
Ich begann zu verstehen. Alle diese anderen Kinder hatten lesen und rechnen zuhause gelernt. Alle diese anderen Kinder fühlten sich in ihrem Lernvermögen sicher, etwas, womit meine Tochter Schwierigkeiten hat und wo sie leider voll nach ihrer Mutter schlägt. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich mindestens durchschnittlich intelligent bin. Warum es mir bisher nicht gelungen ist, dies meiner Tochter zu vermitteln - wenn ich das nur wüsste. Oder wie ich es machen soll.
Alle anderen Kinder können - ganz wie z.B. mein Sohn - einfach lernen ohne zu hinterfragen warum. Sie haben Spaß daran. Meine Tochter hat im Hintergrund immer diese Frage: "warum?". Nein, dass ist natürlich nicht hilfreich. Es macht es schwieriger und komplizierte dieses Kind zu unterrichten. Man müsste eine tiefere Kommunikation mit ihr pflegen und ihr das Gefühl geben, dass das was sie in dem Moment macht, Bedeutung hat. Überhaupt muss man mit ihr kommunizieren, ihr Feedback geben. Sie will angeleitet werden, will einem Beispiel folgen können.  Ja, man kann sich fragen, was wir da eigentlich in der Erziehung vergeigt haben (ich tue es recht häufig) und manchmal denke ich: verdammt, sie ist halt einfach so, daran ist ja eigentlich nichts falsch, sie ist ja verflixt nochmal ein Kind. Ich denke auch, dass esverflixt nochmal genau die Aufgabe der sie umgebenden Erwachsenen ist, ihr diese Zweifel zu nehmen.
Die Lehrer haben mir bisher nur eines gezeigt, nämlich dass sie diese Notwendigkeiten für mein Kind weder sehen, noch verstehen, noch irgendwie darauf produktiv reagieren können.
Was natürlich auf eine wenig grandiose Ausbildung bzw. Fähigkeit in der Berufsausübung schließen lässt. (Wir reden hier immerhin von einem Englisch-Lehrer, einer Schwedisch-Lehrerin, die in der Kernzeit gleichzeitig im Klassenzimmer anwesend sind). Was natürlich dazu führt, dass meine Tochter weiter zurückfällt. Was natürlich dazu führt, dass ich zuhause doppelt und dreifach kompensieren muss. Was natürlich bedeutet, dass ich dieses Kind ganz schnell nach dem Sommer auf eine andere Schule schicken muss. Es manifestiert sich nämlich ein vollkommen unfundiertes Selbstbild in diesem kleinen Kopft, das vollkommen in die falsche Richtung läuft. Und das mit nur 6 Jahren in der "Vorschulklasse". Sowas nenne ich Bildungserfolg - NOT.

PS.: Ja, ich sehe ein, dass ich eigentlich zu verkrampft bin. Aber im Ernst, wenn man sein Kind jeden Tag in eine sogenannte Schule bringt und dann nach 8 Monaten Fortschritte erkennen möchte und wenig bis gar nichts passiert ist - wer würde da nicht verkrampfen???

PPS.: Kommentare sind mehr als willkommen. Ich bin im Moment für jede Anregung dankbar,denn ich fühle mich wie (um es sinngemaß mit Pink Floyd zu sagen):  a (two) lost soul(s) swimming in a fish bowl, year after year." 

8 comments:

Anonymous said...

Ich kann Dir leider gar nicht weiterhelfen, aber vielleicht kannst Du mal Barbara um Rat fragen? http://sechziggradnord.blogspot.fr/
Sie ist Deutsche, Lehrerin und angehende Lehrerin im schwedischen System.
(Und ich fürchte ja meinen KIndern wird es im französischen System ähnlich ergehen)
Liebe Grüsse in den Norden
Rina

Anonymous said...

Oh, ich kann dich sooo gut verstehen! Hier genau dasselbe. Kind mittlerweile in der dritten Klasse und muß nun feststellen, daß sie im Unterricht NULL gefordert und nach ihren Bedürfnissen unterrichtet wird.(Sie ist mutistisch, heißt sie spricht fast nicht und ist hypersensitiv) Haben es nach drei Jahren geschaftt, eine persönliche Schulbegleitung für sie zu bekommen (ca. 4 ! stunden die Woche), die uns die "Zustände" dort in der Schule vermittelte... Hier ist jetzt INKLUSION aber leider nur auf dem Papier, die Wirklichkeit ist weit davon entfernt. Für mich bedeutet das auch, nach der Grundschule muß eine neue Schule her, was ganz anderes. War jetzt alles nicht sehr hilfreich für dich, ich hoffe, ihr findet eine geeignete Schule. Dachte, in Schweden läuft das alles toll... Depressives Kind geht gar nicht und ist sehr schlimm auszuhalten. Lieben Gruß von Sandra, die heute das erste Mal auf deinem Blog gelesen hat

NorthernLight said...

Vielen Dankfür die Kommentare.
@Rina: Den Link habe ich gleich mal verfolgt und oh - wie interessant!!!!
@Sandra: Ich drücke Dir die Daumen. Für mich leidet das schwedische Schulsystem einfach an verantwortungsloser Vernachlässigung. Es wurde einfach keine Systempflege betrieben. Was früher mal gut war hat sich deshalb ins negative verkehrt. Es ist zum Haare raufen.

60°Nord said...

Hej!
Klar darfst du mich gerne verlinken, und Blogroll ist auch gut :)
Weißt du, dass die Vorschulklasse nicht verpflichtend ist?! Ich weiß zwar nicht, wie das bei laufendem Schuljahr ist, aber vielleicht kann ein Break helfen?! Manchmal hilft es auch sich selber zu belesen (LGR 11 - skolverket.se) und den Lehrern mit dem Regelwerk zu kommen. Da steht nämlich drin, dass alle Kinder nach ihren Bedürfnissen gefördert werden müssen. Wenn du mehr schulrechtliches oder meine Sicht auf die Dinge wissen willst, schreib mir doch eine Mail (-> Kontakt auf meinem Blog) und wir können so (privat) Kontakt aufnehmen. Liebe Grüße - och ta det lungt, det löser sig ;) Kram, Barbara

NorthernLight said...

Hallo Barbara!
Ach schön, dann mache ich das gleich mal .... verlinken und ins Blogroll aufnehmen.
Ja, ich weiß, dass die Vorschulklasse nicht verpflichtend ist. Dies gehört zu den Dingen, die mich ärgern, denn genauso stiefmütterlich wird die Vorschulklasse auch behandelt. Damit ist es unter Umständen ein verschwendetes Jahr und das ärgert mich. Aber dazu im meinem nächsten Teil mehr.
Demnächst ist wieder "Utvecklingssamtal", ich werde mich vorbereiten. Ich bin ohnehin kurz davor Beschwerde beim Skolverket einzureichen, will aber warten, bis wir einen anderen Platz für die Tochter gesichert haben.
Ich schaue gleich nochmal nach Deiner E-Mail-Adresse, die hatte ich beim ersten Mal nicht gefunden.
Freue mich darauf, von nun an bei Dir mitzulesen!!
Kram, Stefanie

Karen said...

Ist denn Lesen und Rechnen lernen tatsächlich das Ziel der Vorschule?

Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Vorschule in Schweden nicht verpflichtend, genau wie hier im östlichen Nachbarland. ;-) (Mit dem Unterschied, dass Vorschule in Finnland üblicherweise im Kindergarten und nicht in der Schule stattfindet, wodurch ihrem Charakter mehr Rechnung getragen wird, finde ich.)

Die Kinder hier lernen in der Vorschule Zahlen, Buchstaben, logisches Denken und viele Dinge, die in Deutschland wohl in das Fachgebiet "Sachkunde" fallen würden. Es wird aber z.B. ganz klar NICHT erwartet, dass die Kinder in der Vorschule schon lesen lernen. Unsere Vorschullehrerin sagte dazu: "Manche Kinder können nach der Vorschule schon lesen, andere nicht. Das liegt am Kind und wie sehr es sich dafür interessiert. Aber Lesen geLEHRT wird erst in der ersten Klasse."

(Bei uns war es dann auch tatsächlich so: das Fräulein Maus konnte nach der Vorschule alle Buchstaben, las auch Wörter - z.B. Ortsangaben auf Strassenschildern - aber Texte waren unserer kleinen Perfektionistin zu mühsam: "Das kann ich nicht!" Nach nur ein paar Wochen (richtiger) Schule ging das dann auch ausgezeichnet.)

Wenn die schwedische Vorschule also ungefähr die gleiche Zielsetzung hat (was ich unter Anderem daraus schliesse, dass die Kinder, die schon lesen können, es angeblich nicht in der Vorschule gelernt haben, sondern von ihren Eltern), dann sehe ich noch keinen Grund zur Beunruhigung.

(Und ein weiteres Argument dafür, dass Vorschule im Kindergarten stattfinden sollte. Denn wenn es offiziell als "Schule" verkauft wird, dann ist klar, dass sowohl Kindern als auch Eltern "Schule" erwarten...)

Vielleicht ist euer Problem auch ganz anders, aber das würde mir jetzt zur Problematik einfallen...

NorthernLight said...

Hej Karen!
Danke für die sehr gute Ergänzung, Du hast die Problematik 100& erfasst. Genau so ist es.

Vor allem ärgert es mich nicht hauptsächlich, dass die Tochter noch nicht voll rechnen und schreiben kann. Damit könnte ich leben, wenn eben in diesem sachkundlichen Teil oder im künstlerischen Bereich oder in sonst irgendeinem Bereich irgendwas laufen würde, aber das tut es nicht. Was da passiert ist schlicht unkoordiniertes rumgegurke. Der "alte" Kindergarten hatte da so viel mehr zu bieten. Du hast also auch hier recht, es wäre viel besser, die Vorschulklasse in ihrer jetzigen Ausgestaltugn würde im Kindergarten verbleiben. Ironischerweise ist dort das Personal nämlich auch fantastisch ausgebildet (im Gegensatz zu den zwei aktuellen Grundschullehrern). Ich gehe darauf noch näher ein.
Daraus ergibt sich aber das eigentliche Problem für die Tochter, es fühlt sich für sie an, als würde sie permanent auf der Stelle treten. Was da tagsüber läuft ist Beschäftigungstherapie auf niedrigstem Niveau, wo rechnen und schreiben zu Belohnungstätigkeiten werden, wenn man es geschafft hat, besonders schnell ein Bildchen auszumalen!?!?!?!?!

Ganz ehrlich bin ich auch zum ersten Mal an die Grenzen meiner kulturellen Anpassungsfähigkeit gestoßen. Offensichtlich ist meine Auffassung von Schule doch wahnsinnig Deutsch geprägt und für mich ist es deshalb nicht akzeptabel, wenn Lehrer sich stümperhafter anstellen als Erstsemester in einem Einführungsseminar. Sorry. Ich kämpfe schwer mit mir, dass irgendwie zu kanalisieren, aber das bedeutet, dass ich beide Augen zu machen muss - ganz fest. Seufz.

Karen said...

Na das ist ja dann richtig grosser Mist...! Also wenn im Kindergarten alles prima ist und in der Vorschule dann gar nichts mehr geht... :-(

Ich hoffe sehr, wir kommen hier in ein paar Jahren nicht auch an diesen Punkt, denn die Überlegungen, Vorschule mehr zu "verschulen" gibt es hier auch, trotz Widerstand von Eltern und Vorschullehrern. Vorerst ist die Vorschule nur erstmal pro forma dem Schulamt (statt wie bisher dem... äh... Kindergartenamt (?) ) unterstellt worden, aber rein praktisch hat sich (noch) nichts weiter geändert...